Helfen kurze Videos beim Lernen? Was die Forschung sagt

Meist ja: Kurze Videos halten die Aufmerksamkeit, und sinnvoll gegliederte Lektionen lernt man besser. Doch kurz allein reicht nicht. Hier sind die Belege.

Vom Chasca-Team 7 Min. Lesezeit

Lieber schauen als lesen? Chasca hat dieses Video aus dem Artikel gezeichnet und vertont. Das Video ist auf Englisch vertont. Transkript lesen

Kurze Videos helfen beim Lernen, wenn jedes davon ein vollständiger, fokussierter Teil einer Lektion ist. Sie halten die Aufmerksamkeit weit besser als lange Videos, und Lektionen, die in sinnvolle Abschnitte gegliedert sind, bleiben besser hängen und lassen sich besser anwenden. Kurz ist aber nicht automatisch besser: Bei gleichem Inhalt unterscheiden sich die Testergebnisse direkt nach dem Ansehen womöglich kaum, und ein Feed aus zusammenhanglosen Kurzclips kann dem Gedächtnis sogar schaden. Hier erfährst du, was die Forschung zeigt und was nicht.

Suchst du eine Ziellänge für eine bestimmte Art von Video, dann lies unseren Artikel zur Länge von Erklärvideos. Hier geht es um die Belege hinter „kurz“.

Werden kurze Videos bis zum Ende angesehen?

Viel öfter als lange. Die nach Angaben ihrer Autoren bis dahin größte Studie zum Engagement bei Videos wertete 6,9 Millionen Wiedergabesitzungen in vier edX-Kursen aus. Philip Guo, Juho Kim und Rob Rubin stellten fest:

  • Der Median der Sehdauer lag bei höchstens sechs Minuten, egal wie lang das Video war.
  • Lernende brachen oft vor der Hälfte ab, wenn ein Video länger als neun Minuten dauerte.
  • Die kürzesten Videos hielten ihr Publikum am besten. Bei Videos von drei Minuten oder weniger reichten 75 Prozent der Sitzungen über drei Viertel der Laufzeit hinaus.
  • Nach längeren Videos versuchten sich weniger Menschen an der Anschlussfrage: 56 Prozent in der Gruppe mit den kürzesten Videos, bis hinunter zu 31 Prozent in der mit den längsten.

Das Autorenteam benennt zwei Grenzen klar. Die Studie misst Engagement (Sehdauer und Antwortversuche), nicht Lernen. Engagement beschreiben die Autoren als Voraussetzung für Lernen, nicht als dasselbe. Und die Studie wertete rückblickend vier Kurse in Mathematik und Naturwissenschaften aus; ein kontrolliertes Experiment war sie nicht.

Warum sollten kürzere Einheiten das Lernen erleichtern?

Weil das Arbeitsgedächtnis klein ist. Nelson Cowans Übersichtsarbeit beziffert die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses bei jungen Erwachsenen auf etwa drei bis fünf sinnvolle Einheiten. Eine lange Erklärung am Stück kann einem also abverlangen, mehr gleichzeitig zu jonglieren, als man auf einmal behalten kann.

Cynthia Brames Übersichtsarbeit zur Forschung über Lernvideos beschreibt Segmentierung als Mittel, diese Belastung zu steuern. Mit kürzeren Videos, oder mit Kapiteln und Fragen in einem längeren, nimmt man jeweils ein kleines Stück neuer Information auf und entscheidet selbst, wann es mit dem nächsten weitergeht. Das führt zur eigentlichen Frage: nicht, ob ein Video kurz ist, sondern ob jedes Stück klein genug ist, um es aufzunehmen, und vollständig genug, um für sich allein verständlich zu sein.

Lernt man mit kürzeren Videos besser oder schaut man nur mehr?

Wenn Forschende Videolängen direkt vergleichen, wirkt der Gewinn durch Kürze allein bescheiden. In einer Studie im naturwissenschaftlichen Unterricht zweier Mittelstufenklassen, die nach dem Flipped-Classroom-Prinzip arbeiteten, verglichen Krista Slemmons und Kollegen lange und kurze Lehrvideos. Die Testergebnisse direkt nach den Videos waren nach den kurzen etwas höher, der Unterschied war aber nicht signifikant. Längerfristig behielten Jungen sowie Schülerinnen und Schüler mit Lernstörungen nach kurzen Videos mehr, und die Lernenden gaben an, sich bei den kurzen Videos stärker eingebunden und konzentrierter gefühlt zu haben.

Kurze Videos machen es also wahrscheinlicher, dass Menschen zuschauen, konzentriert bleiben und wiederkommen. Ob sie mehr lernen, hängt davon ab, was in den einzelnen Videos und zwischen ihnen passiert.

Was zeigt die Forschung zur Segmentierung?

Stärkere Belege gibt es für die Segmentierung: das Aufteilen einer Lektion in sinnvolle Abschnitte, die Lernende in ihrem eigenen Tempo durchgehen. Eine Metaanalyse von 56 Studien von Günter Daniel Rey und Kollegen fand kleine bis mittlere Verbesserungen beim Behalten wie beim Transfer (also beim Anwenden des Gelernten auf neue Probleme) und eine geringere kognitive Belastung. Segmentierte Lektionen dauerten allerdings auch länger. Ein Teil des Vorteils könnte also schlicht daher kommen, dass mehr Zeit bleibt, jeden Abschnitt zu verarbeiten.

Zwei Details sind wichtig:

  • Die Abschnitte müssen sinnvoll sein. Der Effekt ist für „sinnvolle und kohärente“ Abschnitte definiert, nicht für willkürliche Schnitte jede Minute.
  • Lernende sollten das Tempo selbst bestimmen. In ihrem Resümee zu einem Sonderheft mit Experimenten zu Lehrvideos zählten Logan Fiorella und Richard Mayer Segmentierung mit Steuerung durch die Lernenden zu den Merkmalen, die das Lernen verbesserten. Einfach Pausen über das Video zu verteilen, verbesserte das Lernen dagegen nicht.

Helfen Quizfragen zwischen kurzen Videos?

Ja, und vielleicht liegt genau hier der größte Nutzen kurzer Videos. In einer Harvard-Studie teilten Karl Szpunar, Novall Khan und Daniel Schacter eine aufgezeichnete Statistikvorlesung von 21 Minuten in vier Abschnitte von je etwa fünfeinhalb Minuten. Studierende, die nach jedem Abschnitt ein kurzes Quiz machten, gaben bei 19 Prozent der Abfragen an, mit den Gedanken abgeschweift zu sein. Bei Studierenden, die zwischen den Abschnitten Rechenaufgaben lösten, waren es 41 Prozent. Die Quiz-Gruppe machte sich mehr Notizen und erreichte im Abschlusstest 90 Prozent gegenüber 68 Prozent.

Kurze Abschnitte schaffen natürliche Stellen für eine Frage. Ein langes Video hält selten an, um etwas zu fragen. Weil man die Antwort aus dem Gedächtnis abrufen muss, ist eine Frage außerdem ein besserer Abschluss als eine Zusammenfassung. Mehr dazu in Warum Whiteboard-Videos wirken.

Funktioniert Microlearning?

„Microlearning“ meint meist Lernen in kleinen Einheiten, jeweils ein paar Minuten lang. Die Belege sind ermutigend, aber dünn. Ein Scoping Review von 2019 über 17 Studien aus der Ausbildung in Gesundheitsberufen fand positive Effekte auf Wissen und Selbstvertrauen der Lernenden. Für den Begriff gibt es aber keine einheitliche Definition, und die meisten Studien maßen, wie Lernende reagierten (16 von 17) oder was sie danach wussten (14 von 17). Nur fünf untersuchten Veränderungen im Verhalten, und keine maß Ergebnisse auf der höchsten Stufe des Evaluationsmodells, mit dem das Review arbeitete. Das Review nennt außerdem Nachteile, darunter ungleichen Zugang zu Technik und Bedenken beim Datenschutz.

Wann ist kurz nicht besser?

  • Wenn daraus ein Feed wird. In einem Experiment von 2023 mit 60 Personen fanden Francesco Chiossi und Kollegen heraus, dass das Ansehen kurzer TikTok-Videos die Erinnerung an eine geplante Aufgabe beeinträchtigte. Twitter, YouTube und Ausruhen taten das nicht. Das Autorenteam verweist auf die Kombination aus kurzen Videos und schnellem Wechsel zwischen Themen ohne Zusammenhang. Eine kurze Lektion in einer Reihe ist etwas anderes als endloses Scrollen.
  • Wenn ein Thema in Fragmente zerhackt wird. Abschnitte helfen, wenn jeder eine sinnvolle Einheit ist. Zehn unverbundene Clips sind keine Lektion.
  • Wenn Leute zurückkommen, um etwas nachzuschlagen. In Guos Daten schauten Lernende Tutorial-Videos unabhängig von deren Länge nur zwei bis drei Minuten lang, riefen sie aber häufiger erneut auf als Vorlesungsvideos. Bei Anleitungen ist es wichtiger, dass man sie leicht überfliegen und noch einmal ansehen kann, als dass sie kurz sind.

Was heißt das, wenn du Videos machst?

  • Erkläre eine Idee pro Video, und mach aus allem, was größer ist, eine Reihe.
  • Bleib unter sechs Minuten, meist deutlich darunter. Richtwerte je nach Einsatzzweck findest du in unserem Artikel zur Länge von Erklärvideos.
  • Beende jeden Teil mit einer Frage, die man aus dem Gedächtnis beantwortet.
  • Lass jeden Teil für sich stehen, mit eigenem Anfang und Ende, damit man genau den Teil noch einmal ansehen kann, den man braucht.
  • Ordne die Reihe sinnvoll, und sag, wo jeder Teil hingehört.

Für betriebliche Schulungen setzt unser Leitfaden zum Erstellen von Schulungsvideos all das in konkrete Schritte um, und der zum Erstellen von Videos für einen Online-Kurs tut dasselbe für Kurse.

Wenn du Videos mit Chasca machst, gelten dieselben Grundsätze. Chasca teilt jedes Video in Szenen, die jeweils synchron zum Sprechertext gezeichnet werden, erstellt in den kostenpflichtigen Tarifen Videos von bis zu 30 Minuten, die bei mehr als sechs Minuten in Kapiteln mit je einer Zusammenfassung erzählt werden, und beendet jedes Video mit einer Frage. Auf der Beispielseite siehst du die Ergebnisse, und Chasca für Bildung zeigt, wie Lehrkräfte es nutzen.

Quellen

Transkript zum Video Der Sprechertext des Erklärvideos oben (1:24).

Do short videos help people learn? Mostly yes—when each is a complete, focused piece. Think of packing lunch: one complete meal per box, not scattered bites. Across 6.9 million viewing sessions in four edX courses, the shortest videos held attention best. But watching isn't learning.

Working memory is what you hold in mind right now. For young adults, it fits about three to five meaningful chunks. Pack one complete idea per lunchbox, and let viewers choose the next. A meta-analysis of 56 studies found better remembering and applying, though segmented lessons took longer.

In one classroom study, immediate scores barely differed by video length. Students quizzed between sections in a Harvard study scored 90% on the final test, against 68% for students doing arithmetic. Unrelated short clips can hurt memory. What makes a short lesson easier to learn? Complete parts you control and recall.

Häufige Fragen

Kurze Videos halten die Aufmerksamkeit deutlich besser, und Lektionen, die in sinnvolle Abschnitte gegliedert sind und die Lernende in ihrem eigenen Tempo durchgehen, werden besser gelernt. Bei gleichem Inhalt unterscheiden sich die Testergebnisse direkt nach dem Ansehen aber womöglich kaum. Kurze Videos helfen deshalb am meisten, wenn jedes ein vollständiges, fokussiertes Stück ist und mit einer Frage endet.

Kürzer als etwa sechs Minuten. In 6,9 Millionen Wiedergabesitzungen auf edX lag der Median der Sehdauer bei höchstens sechs Minuten, egal wie lang das Video war, und bei Videos über neun Minuten brachen Lernende oft schon vor der Hälfte ab. Für eine einzelne Idee reichen meist ein bis drei Minuten.

Die Belege sind vielversprechend, aber dünn. Ein Scoping Review von 2019 über 17 Studien aus der Ausbildung in Gesundheitsberufen fand positive Effekte auf Wissen und Selbstvertrauen. Die meisten Studien maßen aber, wie Lernende reagierten und was sie direkt danach wussten, nicht ihr Verhalten auf lange Sicht. Außerdem gibt es für den Begriff keine einheitliche Definition.

Ein ganzer Feed davon womöglich schon. In einem Experiment von 2023 mit 60 Personen beeinträchtigte das Ansehen kurzer TikTok-Videos die Erinnerung an eine Aufgabe, die sich die Teilnehmenden vorgenommen hatten. Twitter, YouTube und Ausruhen hatten diesen Effekt nicht. Das Autorenteam verweist auf den schnellen Wechsel zwischen Clips ohne Zusammenhang, und das ist etwas anderes, als eine kurze Lektion anzusehen.

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